Zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht [29.10.2008]
Ein Kunstwerk wider das Vergessen
Irmela Maiers Skulptur wird am 9. November enthüllt
„Etiam si omnes – ego non“ (auch wenn alle dafür sind – ich nicht). Diese lateinischen Worte aus der Ölbergszene waren die moralische Richtschnur für Joachim Fest (langjähriger Herausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung) in einer der dunkelsten und schlimmsten Zeiten Deutschlands. Kassandra gleich sahen einige Weitsichtige, dass das, was im Grünen begann, blutig endete, wie es Kurt Tucholsky Ende der 20er Jahre voraussah. Doch die meisten, darunter auch viele, die der israelitischen Glaubensgemeinschaften angehörten, glaubten und hofften, der Spuk ziehe schnell vorüber. Doch die weit verbreitete Gleichgültigkeit im Laufe der Jahre gegenüber dem Schicksal der jüdischen Mitbürger, der latent vorhandene Antisemitismus und die Atmosphäre der Feindseligkeit trugen mit zur Endlösung bei. Denn die Ausschaltung der Juden aus der deutschen Gesellschaft geschah nicht klandestin, sie geschah in aller Öffentlichkeit: die Verdrängung aus Wirtschaft, Kultur und aus dem öffentlichen Leben .
Auch Ettlingen war kein Zufluchtsort, die nüchterne Bilanz nationalsozialistischer Judenpolitik für Ettlingen, so Cornelia Rauh-Kühne in ihrem Buch „Katholisches Milieu und Kleinstadtgesellschaft Ettlingen 1918-1939“ von 79 Personen jüdischer Abstammung , die in den Jahren 1922 bis 1944/45 in Ettlingen längere Zeit oder auch nur kurzfristig Aufenthalt nahmen, wurden mindestens 33 in Konzentrationslagern oder polnischen Ghettos deportiert. Aber auch jene, die Ettlingen verließen, wurden von ihren Schächern erfasst; mindestens 27 von ihnen starben in Konzentrationslager in Südfrankreich, in Polen und in der SS-Maschinerie von Auschwitz. Nur zwölf konnten sich vor dem Regime in Sicherheit bringen.
So lange die judenfeindliche Politik des Regimes sich auf scheinlegalem Wege vollzog, gab es keine kritische Resonanz, allerdings gab es in Ettlingen, im Unterschied zu manch anderer Gemeinde, auch keine Hinweise auf eine aktive Unterstützung der Judenverfolgung. Gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner kamen weder vor noch nach dem in erster Linie von auswärtigem Mob organisierten Novemberpogrom vor.
Jedoch nicht erst nach dem Novemberpogrom, bei dem auch die Ettlinger Synagoge in Flammen aufging, begann die Diskriminierung; die so genannte Reichskristallnacht war nur eine Station „auf dem längst zuvor begonnenen Leidensweg“, den die jüdischen Mitbürger auch in Ettlingen beschreiten mussten.. Denn bereits 1934 war der Direktor der Gesellschaft für Spinnerei & Weberei Ettlingen Julius Cronheim aufgrund seiner jüdischen Abstammung entlassen worden. Zusammen mit seiner Frau machten sie eine Odyssee durch die Lager Südfrankreichs durch, vermutlich am 31. August 1942 fanden sie den Tod in den Gaskammern von Auschwitz.
Auch Dr. Norbert Bernheimer, Geschäftsführer der Papierfabrik Vogel & Bernheimer war bereits 1935 Opfer und zur Sühne für jüdische Frechheit in Schutzhaft genommen worden. Und als dem gut florierenden Familienunternehmen das Rohstoffkontingent gekürzt wurde, konnte eine „deutsche Käufergruppe das Werk übernehmen.
Einige jüdische Familien lebten schon seit Generationen in Ettlingen, wie die der Altwarenhändler Emil und Ludwig Bodenheimer in der Pforzheimer Straße, die Familien Elias Mayers, des Wirts vom Gasthaus Zur Rose in der Hirschgasse, auch die Frieds und Machols waren alteingesessene Ettlinger Familien. Wenige waren „Ostjuden“ polnischer Staatsangehörigkeit wie die Familie Spielmann. Eine heterogene Zusammensetzung der Gemeinschaft, man pflegte freundschaftlich-nachbarschaftliche Kontakte zu den Alt-Ettlingern, die Kinder katholischer Bewohner halfen am Sabbat bei den jüdischen Nachbarn, die Stadtgemeinde leistete trotz der geringen Zahl jüdischer Schulkinder den Beitrag zur Bezahlung eines Rabbiners bis 1932, und als der Ettlinger Synagogenrat einen Zuschuss der Stadt zur Renovierung der Synagoge erbat, gewährte die Gemeinde zweimal eine Unterstützung.
Bereits bei der Einweihung der neuen Synagoge am 7. Oktober 1888 hatte Oberrabbiner Mayer hervorgehoben, dass der israelitischen Gemeinde von Seiten der politischen Gemeinde in so freundlicher Weise entgegengekommen worden (sei) und auch die Opferfreudigkeit der hiesigen Einwohnerschaft hob er heraus. Beerdigt wurden die Familien Wertheimer, Lingert, Frank Hirsch, um einige wenige zu nennen, auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim, wo der Ettlinger Bildhauer Oskar Alexander Kiefer Grabsteine für die jüdischen Mitbürger schuf.
Auch im Gemeindeparlament waren die Juden verhältnismäßig stark vertreten. Wenn von den jüdischen Mitbürgern die Rede war, wurden sie als gute Judden, ehrlich, ordentliche Leute bezeichnet. „Die Dissonanz zwischen der eigenen Erfahrung, das Juden ordentliche Bürger sein können, und dem gängigen Stigma führte nicht dazu, dass eigene Vorurteile korrigiert wurden, sondern man betrachtete diejenigen Juden, die man kannte, die dem Vorurteil nicht entsprechen, als Ausnahmen, als rühmliche. „Das war die verbreitete Einstellung. Und nur sie kann für Rauh-Kühne erklären, was nach 1933 auch in Ettlingen geschah, ohne dass Widerstand sich regte.
Dabei sind die jüdischen Männer und Frauen seit 1308 ein Teil dieser Stadt gewesen. Damit man sich dieser über 700 Jahre alten Geschichte erinnert, damit der 9. November 1938 nicht der Vergessenheit anheim gibt, wird es ein Kunstwerk vor der Thiebauthschule geben. Denn schräg gegenüber in der Pforzheimer Straße befand sich dereinst die Synagoge, die von den Nationalsozialisten 1938 angezündet wurde. In dieser Nacht verwüstete ein Nazi-Mob jüdische Geschäfte und Einrichtungen in Deutschland und ein Großteil der Synagogen und Gebetshäuser wurde zerstört. Mit der Reichspogromnacht begann das unvorstellbare Unheil für das deutsche und europäische Judentum.
Am Sonntag, 9. November, um 11.30 Uhr wird Maiers Werk enthüllt werden. Am frühen Abend desselben Tages wird es um 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung im Rohrersaal mit Oberbürgermeisterin Gabriela Büssemaker geben. Im Anschluss daran wird die Gruppe „A Glezele Vayn“ an die reiche Kultur jüdische Musik erinnern.
Irmela Maiers Werk korrespondiert räumlich mit dem Denkmal für die Gefallenen des 1870/71er Krieges, das mit seiner obeliskartigen Form in den Himmel ragt, während Maiers Skulptur mit seinem weichen organischen Umriss Raum in der Erde schafft. Man muss sich bewusst zu Maiers Kunstwerk hinbegeben und sich verbeugen, um auf den Grund eines Hohlraumes zu blicken, wo silberne Blätter auf einer Spiegelfläche liegen, die im Raum zu schweben scheinen. Darauf liegt eine Glasplatte, schützende Hülle und Schriftuntergrund zugleich. Denn auf ihr sind die Namen der jüdischen Mitbürger eingraviert, fast immateriell wie sie, die nur noch in unseren Gedanken existieren. Sie sind versammelt in dem Spruch aus dem Talmud „Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung“. In der Spiegelung erscheint die Schrift ein zweites Mal und stellt so die Verbindung her: Erinnern ist ein Wieder-Auftauchen aus der Tiefe“, so die Künstlerin.
Pressemitteilung
Stadt Ettlingen
29. Oktober 2008
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